Die Leckerli-Erziehung
-Isabelle Becker-
Nachdem glücklicherweise die Zeiten von Starkzwang und massiver körperlicher Gewalt in der Hundeerziehung vergangen sind, sehen mehr und mehr Besitzer die positive Beziehung zu ihrem Hund als wichtig an.
Ein partnerschaftlicher und fairer Umgang mit dem Vierbeiner ist Ziel vieler engagierter und interessierter Hundehalter. Ähnlich dem Leitspruch „von der Erziehung zur Beziehung“, von Zinnecker (1985), der sich in den Erziehungswissenschaften manifestiert hat, möchte ein Großteil der modernen Hundehalter, eine positive Beziehung zu ihrem Vierbeiner.
Nichts desto trotz sollte das neue Familienmitglied dennoch gehorsam sein, folgen und sich in den Alltag unproblematisch integrieren (natürlich unter der Voraussetzung, dass alle Bedürfnisse des Hundes erfüllt sind).
Die Zielsetzung ist für viele klar: der gehorsame Familienhund, der freudig folgt!
Der Weg bereitet allerdings vielen Hundebesitzern Unsicherheiten, und ein erster Schritt ist der Gang zum Hundeplatz.
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| Mit dem Einzug des Vierbeiners stellt sich auch die Frage, welchen Weg man in der Erziehung wählen möchte. Dem interessierten Hundehalter bieten sich ein Großzahl von verschiedenen Ausbildungsmethoden, zwischen denen er sich entscheiden muss, um für sich und seinen Hund die geeignete Methode finden. |
Wenn ich im folgenden Artikel von „Erziehung“ schreibe, beziehe ich mich allein auf die Erziehung des Hundes zum alltagstauglichen Begleiter, nicht auf eine weiterführende Ausbildung wie beispielsweise im Obedience.
Unter der „Erziehung zum alltagstauglichen Begleiter“ verstehe ich all das, was ein harmonisches Miteinander ausmacht: der Hund sollte auf Zuruf sofort und ohne Umwege kommen, der Hund sollte sich in jeder Situation ablegen lassen und warten bis er wieder laufen darf, und er sollte sich bei Hundebegegnungen an mir orientieren und sich nicht auf den anderen Hund fokussieren. Grundsätzlich sind das nicht viele Aufgaben die bewältigt werden sollen, allerdings handelt es sich dabei in meinen Augen um genau die entscheidenden Bestandteile, die den Alltag mit dem Hund entweder stressfrei machen, oder aber jeden Spaziergang zu einem Spießrutenlauf werden lassen.
Der Hund sollte in jeder Situation in der Lage sein zu warten bis sein Besitzer ihn wieder aufruft.
Nun führt den neuen Hundebesitzer also einen der ersten Wege in eine Hundeschule oder in die Welpenstunde und er achtet auch darauf, dass es keine „vom alten Schlag“ ist, wo der Hund über starken Zwang lernt.
Die meisten moderneren Ausbildungsmethoden basieren auf einem einfachen Prinzip: der Hundeführer hat (am Anfang) ständig Leckerlis dabei. Zeigt der Hund erwünschtes Verhalten, gibt es Lob und Futter, damit er dieses Verhalten öfter zeigt.
Lerntheoretischer Ansatz
Lerntheoretisch leitet sich das von dem behavioristischen Prinzip der operanten Konditionierung ab: wenn in einem bestimmten Kontext eine Handlung gezeigt wird, und eine angenehme Konsequenz folgt wird diese Handlung zukünftig unter den gleichen Umständen öfter gezeigt, während nach negative Konsequenz diese Handlung seltener gezeigt wird. Im ersten Fall, der positiven Konsequenz spricht man von „Verstärkung“.

Dieses Experiment wurde B. F. Skinner (geb. 1904) erstmalig durchgeführt. |
Eine Versuchsbeschreibung zur operanten Konditionierung soll das Lernprinzip anhand eines Beispieles nochmal verdeutlichen.
Ein untrainiertes Versuchstier wird in die sogenannte Skinnerbox getan. Die Skinnerbox ist eine Lernapperatur, die von B. F. Skinner, einem amerikanischen Psychologen entwickelt wurde um das operante Konditionieren zu erforschen.
Eine Skinnerbox ist eine Apperatur, die so gebaut ist, dass das Versuchstier einen Hebel niederdrücken oder einen Stab betätigen muss, um dann mit Futterkügelchen belohnt zu werden.
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In diesem Experiment setzt die Ratte schnell die Handlung (das Hebeldrücken) mit einer Befriedigung des Fressreizes in Beziehung. Die Befriedigung des Reizes wirkt antriebssenkend, sobald die Ratte satt ist betätigt sie den Hebel nicht mehr.
Skinner hat außerdem festgestellt, dass das Erlernte wieder verlernt wird, sobald die Belohnung auf die Handlung ausbleibt.
Viele modernere Hundeschulen werben damit, dass sie rein über „positive Verstärkung“ die Hunde ausbilden, was im ersten Moment sehr angenehm klingt.
In der Praxis
Auf diese Art lernt der Hund in der Regel sehr schnell. Der Welpe lernt schnell auf Zuruf zu kommen, wenn er weiß, dass er auch sicher einen Keks für seine Handlung bekommt. Damit formt der Mensch ein erwünschtes Verhalten.
Weiter nutzt dieses Ausbildungsprinzip die „variable Bestätigung“. Das heißt: hat der Hund ein Verhalten erlernt, bekommt er nicht bei jeder korrekten Ausführung seine Belohnung, sondern nur bei einem gewissen Prozentsatz. Und zwar so unvorhersehbar für den Hund, dass er nie genau weiß, ob er nun Bestätigung / Futter bekommt oder nicht.
Diese Ausbildung sieht vor, dass je nach Ausbildungsstand des Hundes das Futter immer weiter reduziert wird. Während ein Welpe noch für (fast) jedes Herankommen bestätigt wird, wird der erwachsene Hund (bzw. der Hund der das Verhalten bereits verinnerlicht hat) nur noch ca. jedes zehnte Mal für sein Herankommen bestätigt (natürlich variabel).
Wenn man dieses Erziehungsprinzip liest, so scheint es im ersten Moment und auch gerade wenn man die ersten (durchaus schnellen) Erfolge hat, sehr sinnvoll. Es stellt sich die Frage weshalb man dann überhaupt nach einer Alternative suchen sollte.
Kritikpunkte
Mein Ziel in der Hundeausbildung ist es, den Hund zu meinem Begleiter zu erziehen, der mir folgt um „meinetwillen“, der kommt wenn ich ihn rufe, weil ich ihn rufe, und nicht weil ich evtl. ein Leckerchen für ihn habe. Das genau ist der Knackpunkt und in meinen Augen die Kritik an der Ausbildung nach obigem Prinzip: der Hund lernt nicht nur das „was“ sondern auch das „wie“. Er lernt bei dieser Methode implizit, dass dem Mensch gehorchen „Futter“ bedeutet. Der Hund lernt also auch, dass wenn er gehorcht ein grundsätzlicher Trieb, der Fresstrieb, vom Menschen befriedigt wird.
Damit hat der Hundeführer in meinen Augen den ersten großen Fehler in der Ausbildung gemacht: er hat seinem Hund (nebenbei) beigebracht, dass er „für Futter“ / „für eine Triebbefriedigung“ gehorcht. Damit gibt er gleichzeitig dem Hund eine ungeheure Wahlmöglichkeit: der Hund kann entscheiden ob er gerade bevorzugt den entgegenkommenden Hund zu beachten, oder aber auf das Rufen zu reagieren und sich (eventuell) eine Futterbestätigung abzuholen.
Der Hund lernt durch diese Art der Ausbildung nicht seinem Menschen zu vertrauen, und zu gehorchen weil es sein Mensch so möchte, sondern für ihn ist Gehorsam etwas nützliches, mit dem er sich etwas verdienen kann. Es liegt an ihm, sich zu entscheiden ob er etwas verdienen möchte. Spätestens an dem Punkt, an dem die Leckerlis wieder reduziert werden, weil der Hund das Kommando versteht, und variabler und weniger bestätigt wird, stellt sich für den Hund die ganz gravierende Frage nach der Nützlichkeit. Warum sollte er nun noch direkt kommen, wo es doch hier gerade so gut riecht? Wieso nicht doch mal schnell einen Abstecher zum entgegenkommenden Hund machen?
Mit dieser Art der Erziehung kommt man in meinen Augen sehr schnell zu brauchbaren Verhaltensänderungen, ist aber immer in der Situation, dass man sich für den Hund „interessant“ machen muss, wenn man Gehorsam erhofft. Schließlich muss das was ich dem Hund anzubieten habe, permanent der höhere Reiz sein, als das was er alternativ tun könnte.
Was ist nun aber die Alternative: Gewalt und Starkzwang lehnt man ab, auch über "Bestechung“ will man nicht erziehen. Was bleibt übrig?
Die Alternative
Der Weg der Hundeerziehung den ich beschreite basiert auf dem Prinzip, dass der Hund ein Rudeltier ist und dadurch bestrebt einem Rudel anzugehören.
Der Hund ist von Natur aus kein Einzelgänger. Ihm ist Zuwendung und ein fester Platz in seinem Rudel sehr wichtig.
Zum Einzugszeitpunkt des Welpen, wird der Hund aus einem zuvor bestehenden Rudelverhältnis heraus gerissen. Das kann wie im Normalfall, das Rudel bestehend aus seinen Geschwistern und dem Muttertier sein, oder aber wenn man einen erwachsenen Hund übernimmt, der Mensch-Hund Verband sein, in welchem er bis zu diesem Zeitpunkt gelebt hat.
Der Hund ist naturgemäß nun in unsicherem Zustand. Er hat seinen Rudelverband verloren und ist bestrebt sich in ein neues Rudel einzugliedern. Nun liegt es am neuen Besitzer die Regeln für das Leben in diesem Rudel aufzustellen.
Nun gilt es die Weichen für ein positives Miteinander zu stellen: ich mache dem Hund von Beginn an klar, dass er nur ein funktionsfähiger Bestandteil meines Rudels sein kann, wenn er meinen Regeln gehorcht.
Doch wie sieht das nun in der Praxis aus? Ich möchte dies am Beispiel des Abrufens illustrieren.
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| Der Hund kommt freudig, nicht in Erwartung auf ein Leckerli, sondern weil Aufmerksamkeit des Rudelführers ein besondere Ressource ist. |
Zu Beginn wird diese Übung in reizfreier Umgebung gemacht. Ist der Welpe unaufmerksam, setze ich mich auf den Boden und rufe ihn. Kommt er, freue ich mich überschwänglich mit ihm, und sage ihm kurz darauf, dass er wieder laufen darf. Jeder Welpe freut sich über positive Worte und Freude seiner Bezugsperson. Kein Welpe erwartet (ohne es gelernt zu haben) ein Leckerchen oder ähnliche Mittel zur Bestätigung. Jeder der einmal einen Welpen hatte, weiß wie sehr sich ein junger Hund über pures „Lob und Freude“ freuen kann. Genau das bekommt er von mir. Ich zeige ihm, dass er durch das Verhalten, das er eben gezeigt hat, gern in meinem Rudel gesehen ist.
Besteht die Möglichkeit, dass er in dieser Situation nicht hört, so sichere ich die Übung durch Schleppleine und Geschirr ab. Durch ein leichtes zupfen an der Leine & ein „Nein“ wird der Welpe aufmerksam gemacht und erneut gerufen. Kommt er nun zu mir, kriegt er weniger Freude meinerseits (ich erwarte nämlich ein Kommen auf das ersteRufen. Auf das zweite Kommando ausgeführte Befehle werden keinesfalls bestätigt), und er darf wieder laufen.
Durch Schleppleine und Geschirr habe ich immer die Möglichkeit einzugreifen, so dass der Welpe sich nie selbst „Erfolgserlebnisse“ holen kann.
Sollte der Hund beispielsweise in der Flegelphase doch einmal „durchgehen“ und beispielsweise zu einem anderen Hund rennen, begebe ich mich nicht in die Position, dass ich mich für den Hund interessant mache, durch wegrennen oder locken. Nein, ich hole ihn ab, sage ihm sehr deutlich, dass ich das Verhalten nun absolut unpassend fand, mache ihn an die kurze Leine und ignoriere ihn für den Rest des Spaziergangs, der nun eher kurz ausfallen wird.
Der Hintergrund des Anleinens ist hier nicht ein nachtragendes Verhalten des Menschens gegenüber dem Hund, das dieser ohnehin nicht verstehen kann, sondern es geht darum dem Hund zu suggerieren, dass der Spaß vorbei ist, wenn er nicht nach meinen Regeln Spaß hat. Durch die längere Konsequenz aus Fehlverhalten des Hundes wird auch weiter vermieden, dass es zu Verhaltensketten seitens des Hundes kommt: Fehlverhalten - Rudelführer tadelt - Hund zeigt unterwürfigkeit (als Masche) um dann wieder kurz darauf machen zu können was er gerade mag.
Diese Situation sollte aber im Normalfall gar nicht eintreten, denn der Hund muss sich erst das „Privileg“ ohne Schleppleine zu laufen erarbeiten. Erst ein Hund der für mich in jeder Situation kontrollierbar ist, darf frei laufen.
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| Der Hund muss sich erst das Privileg im Freilauf spazieren zu gehen erarbeiten. Erst wenn er in jeder Situtation abrufbar ist, darf er sich frei mit anderen Hunden bewegen. |
Was ist nun aber der Vorteil gegenüber den Leckerchen? Ist es nicht dasselbe ob ich meinen Hund füttere oder lobe/ ihm Aufmerksamkeit schenke?
Nein ist es nicht: denken wir an Skinners Ratte. Ein Verlernen des konditionierten Verhaltens findet immer dann statt, wenn die Verstärkung für den Reiz längere Zeit ausbleibt. Sprich der Hund hört so lange gut, wie er immer wieder für sein Verhalten Leckerlis bekommt (lebenslänglich). In welcher Frequenz das erfolgen muss hängt individuell vom Hund ab.
Während der Hund, der gelernt hat für Aufmerksamkeit, Beachtung und Lob zu gehorchen, dies eigentlich immer bekommt, wenn er folgsam ist: Aufmerksamkeit durch seinen Besitzer.
Bei dem Hund wird kein so grundlegender Trieb wie der Fresstrieb befriedigt, aber er erlernt von klein auf, auf welche Art er wichtige Rudelressourcen wie Aufmerksamkeit und Zuwendung erhält. Nämlich für rudelkonformes / gehorsames Verhalten.
Dadurch befindet man sich als Hundebesitzer nicht mehr in einer Konkurrenzsituation mit der Umwelt (ist mein Leckerchen auch wirklich besser?). Denn auch wenn der Hund gerade andere Interessen hat, wird er wenn er konsequent nach diesem Prinzip ausgebildet wurde im Normalfall keinen „Zuwendungsentzug“ riskieren wollen.
Abschließender Vergleich
Vergleicht man beide Methoden, so sieht man, dass beide im Prinzip das operante Konditionieren nutzen, nur mit dem grundlegenden Unterschied, dass Leckerlis im ersten Moment wesentlich interessanter sind als Lob. Demnach erziehlt man auch mit der Leckerli Methode schneller erkennbare Verhaltensänderungen.
Die von mir beschriebene Methode erfordert einen wesentlich „längeren Atem“ und beinhaltet auch dem Hund zu zeigen, dass er durch Fehlverhalten einen Ressourcenentzug erzielt. Sie ist nicht durchweg rein positiv, aber das ist das Leben im Rudel auch nicht immer. Der Hund lernt hier nicht, dass Gehorsam eine Möglichkeit zur Futtererarbeitung ist. Der Hund hat hier nicht die Möglichkeit auszuwählen ob er gehorchen will. So lange er funktionsfähiger Bestandteil meines Rudels sein will, mit der Zuwendung die das beinhaltet, hat er keine andere Möglichkeit als zu gehorchen.
Jeder der schon einmal einen Hund ernsthaft getadelt und ihn anschließend eine Weile ignoriert hat, wird sehen wie sehr er sich freut wieder Zuwendung vom Rudelführer zu erhalten. Die wenigsten Hunde sind stark genug, und es liegt ihnen auch einfach als Rudeltier nicht in der Natur, unabhängig von ihrem Rudel sein zu wollen.
Der Normalfall wird aber bei einer solchen Erziehung nicht das Tadeln sein – sonst wäre sie wohl wenig sinnvoll, sondern ein Hund der freudig kommt, weil er Zuwendung durch seinen Rudelführer bekommt.

Zuwendung ist eine wichtige Ressource,
die der Rudelführer zur Gestaltung eines harmonischen Miteinanders gewinnbringend einsetzten kann. |